Familienessen, Familie
Pin Stillen nach Bedarf Interview

Stillen nach Bedarf – welcher Rhythmus ist der Richtige?

Für diesen Artikel habe ich die Stillberaterin Alexandra Mayr zum Thema Rhythmus von Stillmahlzeiten befragt.

Inhaltsverzeichnis

Was macht eine Still­be­rate­rin ei­gent­lich?

Als Stillberaterin und -begleiterin stärke und unterstütze ich Schwangere und Mütter, die stillen wollen in ihrem Wunsch. Ich begleite die Frauen in unterschiedlichsten Familiensituationen und bekomme meist einen tiefen Einblick in das Familienleben und die Gefühlswelt der Mütter. Denn Stillen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme: für Mutter und Kind ist es eine innige und tiefe Beziehung, die gerade zu Beginn äußerst empfindlich ist gegenüber äußeren Einflüssen.

Weil das Stillen als natürlicher Bestandteil unseres Kulturgutes fast verloren ging, fehlt es häufig an verlässlichen Informationen und guten Vorbildern. Daher höre ich zu, frage nach, kläre auf, zeige Möglichkeiten auf und bestärke die Frauen, ihrer Intuition und ihrem Mutterinstinkt zu folgen.

Es ist nicht meine Aufgabe, die Frauen vom Stillen zu überzeugen; vielmehr begleite ich sie respektvoll auf ihrem Weg und in allen Fragen, die im Zusammenhang mit dem Stillen auftreten – von der richtigen Vorbereitung während der Schwangerschaft bis hin zu einem achtsamen Abstillen. Es ist mir wichtig – egal um welche Problemstellung es sich handelt – mit den Müttern gemeinsam einen Weg zu finden, der für sie selbst und die Familie stimmig ist und gut funktioniert.

Was be­deu­tet Stil­len nach Be­darf?

Stillen nach Bedarf bedeutet, dass mit dem Stillen Bedürfnisse erfüllt werden. Per Definition hat eine Stillbeziehung zwei Beteiligte: die Mutter und das Kind. Beim Stillen nach Bedarf werden die Bedürfnisse beider Stillpartner berücksichtigt. Die Bedürfnisse von Mutter und Kind ändern sich im Laufe der Zeit und die Gewichtung verschiebt sich.

We­lche Be­dürf­nis­se wer­den beim Stil­len er­füllt?

Beim Neugeborenen steht zunächst die Erfüllung von überlebenswichtigen Grundbedürfnissen wie Nahrung, Wärme, Sicherheit, Bindung, Nähe, Schutz vor „Angreifern“ und Geborgenheit im Vordergrund. Durch verschiedene Hormone gesteuert fokussiert auch die Mutter zunächst auf die Sicherung des Überlebens des eigenen Nachwuchs: durch Ernährung, Schutz (z. B. vor Auskühlung), Bindung.

Wie und wann ver­än­dern sich die Be­dürf­nis­se, die mit Stil­len er­füllt wer­den?

Mit jedem Entwicklungsschritt des Babys verändert sich auch die Bedürfnislage. Sobald z. B. das Baby anfängt, die Welt zu erkunden und den sicheren Hafen „Mama“ immer wieder mal zu verlassen nimmt das Stillen vermehrt auch die Funktion z. B. des Trost Spendens ein.

Milch ist im ersten Lebensjahr eines Säuglings die Hauptnahrungsquelle; spätestens wenn auch andere Nahrungsmittel zur tatsächlichen Befriedigung des Bedürfnisses nach Nahrung aufgenommen werden, verringert sich die Bedeutung von Stillen als Nahrungsmittel sukzessive. Das bedeutet nicht zwingend, dass ein Kind dann weniger stillt. Das Stillen erfüllt dann eben verstärkt andere Bedürfnisse, die im jeweiligen Alter „dran“ sind, z. B. Geborgenheit, Sicherheit und Trost.

Heißt das, es gibt kei­ner­lei Rhyth­mus?

Stillen nach Bedarf bedeutet nicht, dass es keinerlei Rhythmus gäbe. Es bedeutet, dass sich der Rhythmus dem Bedarf anpasst. Und dass dieser Rhythmus sich – genau wie die Bedürfnisse – im Laufe der Zeit verändert.

Ein Baby durchläuft ab der Geburt zunächst eine Phase der Anpassung an die „äußere Welt“. Temperaturregulierung, eigenständiger Stoffwechsel und die Koordination von Saugen-Schlucken-Atmen sind die ersten Herausforderungen. Erst mit der Zeit – nach einigen Wochen – entwickelt sich ein Tag-Nacht-Rhythmus und ein mehr oder weniger regelmäßiger Still-Rhythmus. Dieser schwankt auch im Tagesverlauf, z. B. können die Stillabstände tagsüber 2 – 3 Stunden und nachts schon mal 5 Stunden betragen. Der Rhythmus ist sehr individuell, aber deutlich erkennbar. Manche Mütter berichten, dass sie „die Uhr danach stellen können“, wann ein Baby sich wieder zum Stillen meldet.

Wenn man den Rhyth­mus des Babys ein­mal ge­fun­den hat, bleibt er dann im­mer gleich?

Nein, der Rhythmus bleibt nicht gleich, denn der Bedarf nach Nahrung hängt ja ganz banal auch davon ab, wie hoch der Kalorienbedarf ist. Und dieser ist z. B. in einer Wachstumsphase erhöht. Dann wollen Babys plötzlich wieder öfter an die Brust (oder länger) und bestellen quasi, was sie benötigen (das Angebot an Muttermilch wird entsprechend der Nachfrage angepasst).

Auch die „emotionale Bedürftigkeit“ schwankt tagesaktuell und Babys oder Kleinkinder stillen häufiger in Phasen, in welchen herausfordernde Situationen auftreten, eine Kita Eingewöhnung zum Beispiel.

Beim Stillen gibt es dann auch keinen Unterschied zwischen Stillen von Hunger und Durst oder Stillen von anderen Bedürfnissen (Trost, Sicherheit, Nähe etc.). Jeder Stillvorgang befriedigt eine Mischung an Bedürfnissen, deren jeweilige Anteile unterschiedlich hoch sein können. Es gibt keine klare Trennung zwischen „Stillen aus Hunger“ oder „Stillen zum Trost“. Die Mutter, die ihr Kind aber ja sehr genau kennt, kann einschätzen, ob nun gerade ein „Hunger stillen“ oder ein anderes Bedürfnis stillen dran ist.

Woran er­kennt man, ob ein Baby Hun­ger hat?

Babys geben altersabhängig unterschiedliche Hungerzeichen. Je kleiner ein Baby ist, desto wichtiger ist es, möglichst rasch bei den ersten Anzeichen von Hunger zu stillen.

Bei Neugeborenen unterscheidet man zwischen den frühen, aktiven und späten Hungerzeichen. Frühe Hungerzeichen sind z. B. Hin- und Herbewegen des Kopfes, Schlecken an den Lippen, Schmatzen, Mundbewegungen, saugende Bewegungen der Lippen oder Sauggeräusche. Wenn das Neugeborene dann noch nicht an die Brust genommen wird, steigern sich die Zeichen und das Baby gibt noch aktiver z. B. folgende Signale: nickende Suchbewegungen mit dem Kopf, Hand oder Finger im Mund, die allgemeine Unruhe steigt, Arm- und Beinbewegungen werden aktiver. Zuletzt, wenn das Baby sich nicht mehr anders zu helfen weiß, fängt es durch Schreien an, auf sich und seinen Hunger aufmerksam zu machen. Die Atemfrequenz und die Körperspannung sind erhöht, das Baby befindet sich im puren Stresszustand.

Je mobiler die Babys werden, desto selbständiger kommen Babys dann auch zur Brust. Ältere Babys ziehen dann auch schon mal selbst das T-Shirt hoch und nehmen sich, was sie brauchen.

Was kann ne­ben Hun­ger noch Ur­sache für Un­ru­he oder Schrei­en sein?

Wird ein Baby nach Bedarf und bei den ersten Anzeichen von Hunger gestillt, ist in der Regel sichergestellt, dass das Baby wirklich ausreichend Milch erhält. Kennzeichen für eine ausreichende Versorgung sind u. a. eine gute Gewichtsentwicklung, ausreichend nasse Windeln (4 – 6 pro Tag), regelmäßiger Stuhlgang und ein guter Allgemeinzustand. Ist ein Baby dennoch unruhig, ist echter Hunger meist nicht die Ursache der Unruhe / des Schreiens. 

Die Ursachen sind vielfältig und reichen von leicht erkennbaren Gründen wie einer vollen Windel, nasser, kalter Kleidung etc. zu nicht so leicht erkennbaren Gründen wie z. B. etwas „klemmt“/“zwickt“, Bauchweh usw. Hier ist jeweils relativ leicht Abhilfe zu schaffen, indem einfach die Windel gewechselt, das Bäuchlein massiert oder abgehalten wird. Nicht so leicht einzuordnende Ursachen können die Verarbeitung von Erlebnissen bzw. äußeren Reizen, zu viel Unruhe aber auch Langeweile oder Regulationsstörungen sein. Die Beruhigung durch Stillen kann eine Möglichkeit sein, dem Baby durch diese Phase zu helfen.

Meist ist die Unruhe eine Kombination aus mehreren Faktoren: das Baby hat Hunger, ist aber schon zu müde, um noch ruhig zu trinken. Oder die Mutter riecht plötzlich anders, weil die Periode wieder einsetzt und das Unbekannte verunsichert das Baby, was dazu führt, dass es trotz großem Hunger nicht an die Brust geht und stattdessen schreit. Es gibt einige Möglichkeiten, solche Phasen zu überstehen, grundsätzlich heißt es dann geduldig mit sich selbst und dem Kind zu sein.

Wel­che Al­ter­na­ti­ven – ne­ben dem Stil­len – hat man, um ein Baby zu be­ruhi­gen?

Wenn naheliegende Gründe für Unruhe oder Schreien ausgeschlossen sind (Windel trocken, Kleidung sauber und trocken, nichts zwickt, gestillt/gegessen/getrunken) können Alternativen zur Beruhigung sein: Tragen (im Tuch, in der Trage, auf dem Arm), Singen, Summen, Abspielen von „weißem Rauschen“, Pucken, allgemein Körperkontakt, im Kinderwagen fahren, in der Federwiege schaukeln etc.

Wichtig ist meines Erachtens, dass die gewählte Maßnahme öfter und über einen längeren Zeitraum – soll heißen nicht nur 1 x 5 Minuten – ausprobiert wird, um tatsächlich festzustellen, ob eine Beruhigung eintritt oder nicht.

Wichtig: auch andere nahe Bezugspersonen können die Beruhigung des Babys übernehmen! Die Papas zum Beispiel freuen sich, wenn sie sich in die Sorge um das Baby einbringen können und die Mutter kann Entlastung erfahren.

Wel­che Tipps gibt es, um vom Stil­len nach Be­darf zu regel­mäßi­gen Mahl­zeiten mit der Fa­mi­lie über­zu­ge­hen?

Zunächst einmal sollte man nicht zu früh zu viel erwarten. Es ist ein langsamer Entwicklungsprozess, bis ein Kind regelmäßig zu bestimmten (für das Kind) passenden Zeiten am Tisch sitzen bleibt und sich ganz auf das Essen konzentrieren kann. Ein Vergleich mit einer anderen Umgebung – „in der Kita bleibt er/sie ja auch sitzen“ – ist nicht hilfreich, denn in anderen Umgebungen „funktionieren“ Babys und Kinder anders als zu Hause im vertrauten und geschützten Umfeld. Zu Hause sollten Kinder so sein dürfen wie sie sind. Und auch bei regelmäßigen Mahlzeiten mit der Familie sollte ein Kind nach Bedarf essen dürfen.

Wie be­gin­nen Babys zu es­sen?

Wenn ein Baby beginnt, neben der Muttermilch auch noch andere Nahrung zu sich zu nehmen, wird es das angebotene Essen zunächst nicht mit Nahrungsaufnahme also „Hunger stillen“ in Verbindung bringen. Vielmehr erkundet ein Baby zunächst das Essen mit allen Sinnen: da wird mit den Händen gematscht, daran gerochen, geleckt etc. Erst nach und nach lernen Babys (durch Erfahrung), dass das, was sie sich da in den Mund stecken „das komische Gefühl im Bauch“ weg macht.

Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass das Essverhalten der Kinder phasenweise stark schwanken kann. Wenn gerade ein Wachstumsschub ansteht oder das Kind einen Tag draußen an der frischen Luft mit viel herumrennen verbracht hat, wird der Kalorienbedarf höher sein, als an regnerischen Kinderzimmer Nachmittagen.

Wie kann das Es­sen für die Kin­der dann kon­kret aus­se­hen?

Eine gute Möglichkeit zur Hinführung an regelmäßige Mahlzeiten mit der Familie ist schlicht das Baby bzw. Kleinkind am Familienessen teilhaben lassen. Es ist ein langsamer Übergang vom Voll-Stillen, über die Einführung von Beikost (unter dem Schutz des Stillens) bis hin zur Familienkost. So kommt das Kind langsam in den familieninternen Mahlzeiten Rhythmus.

Eltern können – wie beim Stillen – im Vertrauen bleiben, dass das Kind die Menge Nahrung zu sich nimmt, die es benötigt, wenn ihm eine passende und gesunde Auswahl an Nahrungsmitteln angeboten wird.

Die Betonung liegt hier auf „anbieten“ – nicht aufdrängen. So wie die Brust zum Stillen auch nur angeboten, aber dem Baby ja nicht einfach in den Mund gesteckt werden kann, so kann auch feste Nahrung angeboten (sprich für die Kinder selbständig greifbar) werden.

Einigermaßen flexibel bleiben, ist gerade für kleiner Kinder noch wichtig, d. h. wenn ein Kind zur festen Mahlzeit nichts oder nur wenig isst, ist es meistens doch möglich, eine Portion am Tisch stehen zu lassen, vielleicht kommt der Hunger in dieser Phase einfach einige Zeit später.

Wie lan­ge kann ge­stillt wer­den?

Die Empfehlung der WHO zur Stilldauer lautet 6 Monate ausschließliches Stillen und dann weiter bis zum 2. Lebensjahr und darüber hinaus, solange Mutter und Kind das wollen. Neben kindgerechten Mahlzeiten kann zum Hunger und Durst stillen dann eben einfach gestillt werden.

Mütter, die ihr Kinder lange stillen, haben hier einen Vorteil des sog. „Langzeitstillens“: wenn Bedarf da ist – und es ist dann unerheblich, ob es ein Bedürfnis nach Nahrung oder nach Nähe ist – dann wird einfach kurz zwischendurch gestillt.

Am Ende halte ich die „aufmerksame Gelassenheit“ der Eltern für entscheidend. Wenn körperliche Defizite (Eisenmangel, orale Restriktionen o. Ä.) ausgeschlossen sind, nehmen Kinder aus dem Angebot einer gesunden Auswahl an Essen das was sie brauchen, um gut zu gedeihen.

Über Alexandra Mayr

Alexandra´s Wunsch und ihre Vision ist es, dass alle Mamas, die stillen wollen, dies entspannt und ohne Hindernisse tun können solange sie und ihr Kind das möchten.

Sie begleitet werdende Mamas schon vor der Geburt in ihren Kursen zur Stillvorbereitung mit wertvollem Wissen rund um einen gelungenen Stillstart. Für bereits stillende Mamas ist sie da, falls Herausforderungen nach der Geburt und im Wochenbett auftauchen, begleitet Mutter und Kind bei Entwicklungsschüben und damit verbundenen neuen Stillsituationen und gibt hilfreiche Tips zu einem achtsamen Abstillprozess.

Alexandra ist mit ganzem Herzen Mama von zwei „Wunderkindern“, ein „Stilljunkie“ aber keine „Stillfanatikerin“, im Hauptberuf studierte BWLerin und Unternehmensberaterin und zertifizierte Stillberaterin (DAIS).

Stillen ist ihr Herzensthema. In mehr als 5 Jahren eigener Stillzeit hat sie selbst Erfahrungen mit diversen Stillproblemen gemacht (wunde Brustwarzen, Milchstau, zu wenig Milch, zu viel Milch, Brusthütchen, Stillen in der Schwangerschaft, Tandemstillen etc.) und unendliche Stunden mit Recherche (Internet, Bücher, Stillgruppen) verbracht. Ihr „angelesenes Wissen“ und die eigenen Erfahrungen hat sie schließlich auf eine solide Basis gestellt und die umfangreiche Ausbildung der DAIS zur zertifizierten Stillberaterin abgeschlossen, um stillende Mamas (oder solche, die es werden wollen) von Anfang an zu begleiten.

Hier geht’s zu Alexandras Angebot: https://alexandramayr.de/stillbegleitung/                 

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